William Doyle: Springs Eternal

William Doyle credit Parri Thomas

Wer immer schon mal wissen wollte, was „Kunst-Pop für das Anthropozän“ ist, sollte bei William Doyle reinhören. Ist sein neues Album mehr als die Kopfgeburt eines Avantgardisten?

von Werner Herpell

Als „Kunst-Pop für das Anthropozän“ definiert die Label-PR zu William Doyles neuem Album die Musik von „Springs Eternal“. Das klingt zunächst etwas abgehoben, trifft’s aber ganz gut angesichts von Texten, in denen die Katastrophen des von Menschen massiv beeinflussten Zeitalters immer mitschwingen. Man könnte also auch von einem Konzeptalbum sprechen, was im Subgenre „Art-Pop“ – mit dem wir es hier zweifellos zu tun haben – nicht so ungewöhnlich ist. Dass an diesen so verspielten wie unberechenbaren Liedern, für die der englische Begriff „quirky“ (schrullig, seltsam) geradezu erfunden wurde, auch Pop-Avantgardisten

___STEADY_PAYWALL___

wie Brian Eno und Alexander Painter beteiligt waren, passt ebenfalls ins Bild.

Experimentierfreude und gute Melodien

William Doyle Springs Eternal Cover Tough Love

Wer war nochmal William Doyle? Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser noch an East India Youth – unter diesem Moniker veröffentlichte der Brite bis 2016, zuletzt beim renommierten Label XL, einige interessante Platten. Das Solo-Schaffen des inzwischen 33-Jährigen wurde 2021 mit dem allseits gefeierten „Great Spans Of Muddy Time“ gekrönt. „Springs Eternal“ knüpft nun bei der Experimentierfreude dieses Werks an. Das Album liefert aber (etwa im choralen Opener „Garden Of The Morning“ oder in den zentralen Tracks „Cannot Unsee“, „Castawayed“ und „Surrender Yourself“) mehr zugängliche Melodien und opulentere Arrangements, die mal an den Freak-Folk von Animal Collective („Relentless Melt“), mal an den 80s-Sophisticated-Pop von XTC („Now In Motion“) erinnern.

Zwei Mal William Doyle

Die elf akribisch ausgearbeiteten Songs von „Springs Eternal“ präsentieren inhaltlich „eine seltsame und aufregende Reihe von Charakteren, von Cowboys bis hin zu Schiffbrüchigen, die ein oder zwei Mal Doyle sein könnten“, verrät sein Label Tough Love. Er selbst sagt dazu: „Die meisten Songs sind in der Ich-Perspektive geschrieben, aber anstatt autobiografisch zu sein, habe ich versucht, mir hyperreale Versionen von mir selbst vorzustellen. Was wäre, wenn Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe, zu dem Ich des jeweiligen Songs geführt hätten? Um wieviel Grad bin ich von diesen Realitäten entfernt? Das ist ein beängstigender Gedanke, und aus beängstigenden Gedanken entstehen oft gute Songs.“

William Doyle: Behagliche Pop-Avantgarde

Falls sich das jetzt alles ein bisschen zu verkopft anhört – der vom Folktronica-Pionier Mike Lindsay (Tunng, LUMP, Speech Debelle) co-produzierten Platte schadet der intellektuelle Überbau zum Glück nicht, die steckt voller liebenswerter Details und reizvoller Überraschungen. Die helle, aber nie nervige Gesangsstimme und die akustisch-elektronische Instrumentierung der Songs erzeugen trotz der schweren Thematik von „Springs Eternal“ eine erstaunliche Behaglichkeit (okay, im jazzigen Instrumental „A Long Life“ wird’s auch mal schrill). Insgesamt ist William Doyle also erneut ein Album geglückt, das ihm einen Platz in der ersten Liga der jüngeren britischen Pop-Avantgardisten sichert.

Das Album „Springs Eternal“ von William Doyle erscheint am 16.02.2024 bei Tough Love/Cargo. (Beitragsbild von Parri Thomas)

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Kommentar schreiben